Flug der Pelikane

Bei Jimmy gab es nicht nur Pfannkuchen. Auf seiner Speisekarte standen über 150 Gerichte. Sie umfasste einfach alles, vom heißen Roastbeef mit geschmolzenem Mozzarella bis hin zum Deluxe-Burger für Vegetarier. Es gab den Hinweis: Breakfast all day, open seven days a week, free delivery. Eine ganze Seite widmete sich Jimmy's famous creations, die Namen trugen wie Curios George und Notorious Nick. Wenn man nur diese Karte hatte, um sich ein Bild zu machen, sah man höchstwahrscheinlich eine ganze Heerschar von Kellnern und Köchen vor sich, die in weißen Schürzen herumwirbeln. Die Wahrheit sah anders aus. Jimmy's Grill & Luncheonette in der 22sten Straße in Manhattan, zwischen sechster und siebter Avenue, war ein einziger, schwarz und weiß gekachelter Raum von höchstens 30 Quadratmetern, auf denen gekocht, gebraten, gegrillt, gegessen, gezahlt und geredet wurde. Die Wahrheit ist, es gab hier fünfzehnmal mehr Speisen als Sitzgelegenheiten. Exakt zehn Barhocker waren entlang der niedrigen, horizontal zum Eingang verlaufenden Theke aufgestellt, von der, egal, wie voll es gerade war, wie viele Pancake-Bestellungen durch die schwere Luft wirbelten und wie viele Bratkartoffeln gegenüber auf der verkrusteten Grillfläche lagen, immer eine angenehme Ruhe ausging. Diese blasse Theke, auf der ein paar Serviettenspender und Ketchup- und Senfflaschen aus Plastik platziert waren, vermittelte einem das Gefühl: »Setz dich hin, iss deine Eier. Was dann kommt, passiert sowieso.« Die Barhocker hatten silberne Gestelle und runde gepolsterte Sitzflächen, die mit schwarzem Kunstleder überzogen waren. Die Sitzflächen waren um 360° drehbar. Jimmy hatte darauf größten Wert gelegt. Das hatte mir der alte Francis, einer seiner drei Mitarbeiter, einmal erzählt. Mit seiner eindrucksvollen Stimme, die sich so anhörte, als hätte er Zeit seines Lebens immer wieder gegen die heftigsten Stürme anbrüllen müssen. 

 

 

»Warum denn?«, hatte ich gefragt. 

»Ein klein bisschen mehr Freiheit. Er meinte, darauf kommt's an, besonders an einem Tag in New York City.« 

Aber mit diesem klein bisschen Freiheit war es, ehrlich gesagt, nicht so weit her. An der Theke sitzend konntest du dich genau genommen keinen Millimeter bewegen, ohne an das Knie deines Nebenmannes zu stoßen. 

Im Luncheonette herrschte fast immer ein sagenhafter Trubel. Jimmy und seine Jungs arbeiteten in unfassbarer Geschwindigkeit. In meinem New-York-Reiseführer von National Geographic steht der Satz: »Geschwindigkeit ist eines der wichtigsten Gesetze, denen man in Manhattan unterworfen ist.« Ob das wirklich für jeden Winkel Manhattans gilt, kann ich nicht sagen. Dieser schmale Streifen von Chelsea jedenfalls hatte sich dieses Gesetz auf die Fahnen geschrieben, so viel ist sicher. Die Worte scrambled eggs durften den Mund eines Gastes noch nicht vollständig verlassen haben, da mussten die Eier praktisch schon braten. Und der dicke, schnauzbärtige Kolumbianer Zac, der zweite Mitarbeiter von Jimmy, briet, während er den Gästen seinen weißen Rücken zuwandte, was zu braten war. Francis sorgte für Kaffee und andere Getränke. Jimmy packte in einem einzigen Bewegungsablauf das Essen in Tüten, reichte diese aus dem Fenster zu den Kunden auf der Straße, kassierte beim Ladeneingang, an der Kasse, bei den Leuten, die den Grill verließen, und nahm Bestellungen am Telefon entgegen. Das Telefon läutete ständig. Wenn er den Hörer abhob, sagte er immer nur: »Jimmy's, hold on!« Und donnerte ihn wieder auf die Theke oder sonst irgendwohin und wickelte noch schnell zwei überfällige Ham and Egg Burger ein, bevor er sich wieder dem Anrufer widmete. Die meisten Leute, die am Apparat waren, begrüßte er dann mit Namen. »Hey, Jerry, was kann ich für dich tun?« Und noch während Jerry aufzählte, wonach ihm an diesem Morgen der Sinn stand, brüllte Jimmy nach hinten zu Francis. »Hast du jetzt diesen Frozen Coffee gemacht oder nicht?« Und der Alte, der das versäumt hatte, holte dann mit betretener Miene einen Kübel Eis aus dem Kühlfach und löffelte die Eiswürfel in einen 30 cm hohen Pappbecher. Jimmy schüttelte den Kopf. »Mann, unglaublich! Das hier ist nicht der richtige Ort, um ein Nickerchen zu halten!« Und während das Telefon aufs Neue läutete, war er schon dabei, Zac zu helfen, schnitt mit zwei Handgriffen Bagels auf und warf sie aufs Grillblech. Zwischendurch führte er Gespräche mit seinen Gästen: 

Jimmy: Hey, wie geht's? 

Gast: Gut. Solange du da bist, geht's mir gut. Und du weißt ja, es ist Freitag. 

Jimmy: Ja, es ist Freitag. (zögert) Aber ziemlich bald ist wieder Montag. 

Jimmy sagte zu den Leuten Hey Fellow, Kid, My friend. Zu jedem Gast sagte er, bevor dieser das Luncheonette verließ: Have a good one oder Take it easy.