Von Christian Kämmerling
Statt zur Schule zu gehen, schrieb er einen Bestseller. Statt stolz darauf zu sein, ist er verzweifelt. Ein Gespräch mit dem deutschen Kult-Autor Benjamin Lebert.
Da sitzen wir nun. Ich kannte dich schon, da warst du noch ein kleiner Junge. Schriftsteller wolltest du werden. Wir haben gelächelt.
Ja, ich wollte immer schon Schriftsteller werden. Aber ich bin immer noch kein Schriftsteller, glaube ich.
Wie bitte? Von deinem ersten Roman, «Crazy», wurden eine Million Bücher verkauft, allein in Deutschland. Da ist dem Günter Grass vor Neid die Pfeife aus dem Mund gefallen.
Komm, Günter Grass, das ist ein wirklicher Schriftsteller. Ich würde mich nie als wirklichen Schriftsteller bezeichnen, weil ich gar nicht weiss, was man da machen muss.
Schreiben eben.
Ich glaube, es geht um mehr. Ein wirklicher Schriftsteller reift mit der Erde. Er hinterlässt etwas, das bleibt. Ich habe noch nichts hinterlassen.
«Crazy» wurde in den Kanon der Klassiker aufgenommen, die an deutschen Schulen Pflichtlektüre sind. Wenn das nichts Bleibendes ist...
Beim Gedanken daran wird mir schlecht.
Warum?
Weil ich mich daran erinnere, wie schrecklich das war, diese Art von Beschäftigung mit Literatur in der Schule. Der Zwang zu lesen, zu interpretieren, zu vergleichen. Ich habe so gelitten in der Schule. Deshalb tut es mir Leid, wenn mit meinem Buch jetzt auch so umgegangen wird, dass andere leiden müssen.
Also null Stolz auf deinen Erfolg?
Ich glaube nicht, dass man auf Erfolg stolz sein kann.
Glaub mir, das kann man.
Ich meine etwas anderes: Man kann immer stolz auf sich sein. Nicht nur dann, wenn man Erfolg hat. Die Gesellschaft bewertet Erfolg sehr hoch. Du kannst aber auch eine tolle Leistung bringen, nur für dich allein. Du sagst im richtigen Augenblick einen Supersatz zu einem Mädchen, und du siehst in ihren Augen, dass du was bewegt hast und sie dich vielleicht küssen will, und ihr tauscht dann Küsse.
Ein Kuss ist mehr wert als die Bestsellerliste. Ist das nun Teenager-Romantik oder frühzeitige Altersweisheit?
Warum findest du das so komisch? Die gesellschaftliche Anerkennung ist doch nicht der einzige Massstab für Glück.
Nein, klar. Aber mit 21 Jahren träumt man doch davon, ein Popstar zu sein. Und du bist tatsächlich der Popstar der Literatur.
Als ich jung war, habe ich mich auch nach Erfolg gesehnt. Vor allem weil Erfolg in meinem Leben nicht vorgekommen ist. Ich bin von der Schule geflogen, hatte nie eine Freundin und habe mich abgeschottet gefühlt von der Welt durch meine Behinderung. Da habe ich viel geträumt, auch davon, mal Erfolg zu haben.
Und als der Ruhm dann kam, war er plötzlich nichts wert.
Ja. Aber das ist im Leben wohl allgemein so. Das, was du dir ersehnst, existiert gar nicht. Die Wissenschaftler, die nach der Weltformel suchen, glauben auch immer, sie seien ganz nah dran an der Lösung. Es fehlt ihnen bloss noch ein winziges Glied in der Kette, und dann, wenn sie das Glied gefunden haben, merken sie, dass wahnsinnig viel fehlt. So ähnlich ging es mir auch. Ich habe mir Erfolg als etwas Rauschendes, Glamouröses, Bleibendes vorgestellt, aber als er dann kam, da war das wie bei der Weltformel: Man merkt, was alles fehlt.
Was fehlt dir?
Ich glaube, in meinem Leben fehlt der Applaus von mir selber. Es können noch so viele Leute applaudieren, solange du selbst so zerrissen bist, so voller Selbstzweifel, dann bringt das nichts. Wir sind alle letztlich allein. Du kannst den Applaus der anderen nicht mitnehmen, nur dich nimmst du überall hin mit. Das Bleibende, worüber wir am Anfang gesprochen haben, muss in dir selber sein.
Du meinst das Bleibende, das du hinterlässt, wenn du ein wirklicher Schriftsteller bist?
Ja. Ein Schriftsteller kommt mit sich selbst ins Reine, dadurch, dass er schreibt. Er findet sich selber irgendwann okay. Aber ich finde mich nicht okay.
Du schreibst, weil du hoffst, dich eines Tages okay zu finden?
Ich schreibe, weil ich gar nicht anders kann. Das ist so, wie wenn du etwas ganz Schlimmes oder Aufwühlendes erlebt hast, das du erst mal lange für dich behalten hast, dann kommt der Moment, wo du es einem Freund erzählst, den du schätzt. Er muss gar nichts dazu sagen, er nimmt es einfach mal so auf. Es ist dir unangenehm, das alles zu erzählen, vor allem wenn es ekelige Sachen sind, und von denen hat man ja ganz viele im Leben. Oder Geheimnisse. Aber du musst es erzählen, weil du eben allein nicht mehr damit klarkommst. Der Freund hört dir zu. Und dieser Freund ist für mich eben das Blatt Papier.
Klingt qualvoll, der Prozess.
Ja. Es ist für mich eine Qual, das Schreiben.
Das Leben auch?
Manchmal kann das Leben auch schön sein, aber ich sehe es immer...wie soll ich das beschreiben...wie das Licht einer Laterne, die sich im dunklen Wasser spiegelt.
Was ist dein Problem?
Wenn ich das wüsste, würde ich wahrscheinlich nicht mehr schreiben. Vielleicht wäre ich auch geheilt, wenn man das so sagen kann. Ich weiss nicht, was mein Problem ist. Es ist schwer in Worte zu fassen. Ich fühle mich einfach nicht auf dieser Welt.
Wie meinst du das?
Ich fühle mich wie jemand, der umgeben ist von Fremden. So wie im Ausland. Schlimmer noch, denn die Leute um mich herum haben ja keine andere Hautfarbe, auch keine andere Kultur, sie sprechen keine fremde Sprache, und trotzdem verstehst du nichts. Du verstehst nicht, was du denken sollst, wer du bist, wo du bleiben sollst und so.
Das ist dein Lebensgefühl?
Das ist mein Lebensgefühl.
Auch deine Familie ist dir fremd?
Bei meinem Vater, meiner Mutter und meiner Schwester ist das so, dass die sozusagen mein Öffnungspunkt zu dieser Welt sind. Wenn man bei dem Bild vom Ausland bleibt, dann hat der erste Mensch, den man dort kennen lernt, ja auch eine besondere Bedeutung. Du willst, dass er dein Freund wird. Du hältst dich an ihn, weil du sonst ganz allein bist in der Fremde. So ähnlich ist das auch mit meiner Familie. Ich halte mich an sie. Aber trotzdem, auch meine Familie gehört zu der Welt, in der ich fremd bin.
Bist du schon mal einem Menschen begegnet, der von deinem Planeten kam?
Wenn ich in der U-Bahn fahre, dann kommt es vor, dass ich jemanden sehe und das Gefühl habe, dass da eine Gemeinsamkeit wäre. Eine tiefere Gemeinsamkeit, als ich sie mit jedem anderen habe. Aber ich spreche die Person nicht an. Ich wüsste gar nicht, was ich sagen sollte. Soll ich sagen: «Ich habe das Gefühl, du bist aus meiner Welt»?
Der andere könnte sagen: «Hoffentlich nicht.»
Genau. Vom Gefühl her kann ich sagen, dass ich etwas Stürzendes und etwas Steigendes, etwas Zerfallendes und etwas Zusammengeklebtes habe.
Manchmal vollbringt ja die Liebe das Wunder, und man ist plötzlich zu zweit auf dem Planeten, auf dem man vorher einsam war.
Das habe ich noch nie erlebt. Ich merke, wenn ich ein fremdes Wesen liebe, dass ich mich besonders fremd fühle.
Also keine Erlösung in der Liebe.
Ich finde es interessant, wenn du sagst, dass die Liebe ein Heilmittel ist. Ich würde sie ebenso als Krankheit bezeichnen. Sie ist beides. Das ist doch in der Medizin auch so, glaube ich. Die Krankheitserreger sind zugleich das Gegengift.
Machst du eigentlich eine Psychotherapie?
Ja.
Und? Bringt das was?
Ich weiss nicht. Keine Ahnung, ob man mit Reden irgendwohin kommt. Bin gerade in einer Krise.
«Crazy» heisst «verrückt». Hast du manchmal das Gefühl, du landest in der Klapsmühle?
Ja.
Macht dir das Angst?
Ja. Ich habe ganz oft Angst, dass ich abstürzen könnte. Dass ich nicht mehr funktionieren kann in der Gesellschaft. Dass mich die anderen nicht mehr verstehen. So definiert man «verrückt». Andererseits glaube ich, dass es so etwas wie Verrücktheit nicht wirklich gibt. Wir können diejenigen, die wir für verrückt halten, nur nicht verstehen.
Du bist so klug. Wie kam das, dass du in der Schule so schlecht warst?
In der Schule, zumindest in den Schulen, in denen ich war, kommt es gar nicht darauf an, wie klug du bist. Sondern wie sehr du dich anpassen kannst. Und wie fleissig du bist.
Du bist in der Schule immer wieder sitzen geblieben und kamst dann ins Internat.
Ja, aber das war nicht so sehr eine schulische Entscheidung, sondern eine Lebensentscheidung. Ich kam ja nicht nur mit der Schule nicht zurecht, sondern auch mit den Schülern und den Lehrern. Ich habe mich da einfach nicht wohl gefühlt. Ich wurde ständig gehänselt wegen meiner Behinderung. Als ich dann ins Internat kam, hatte ich die grosse Hoffnung, dass ich in so einer kleinen Gesellschaft irgendwie dazugehören könnte.
Deine Eltern haben sich damals grosse Sorgen gemacht, was aus dir mal werden soll. Hast du dir auch Sorgen gemacht?
Ich mache mir eigentlich immer um mich Sorgen. Auch damals. Ich war im Internat genauso schlecht wie in der Schule. Auch die Probleme, die ich zwischenmenschlich hatte, sind da weitergegangen. Aber ich habe zum ersten Mal die Idee von Freundschaft erlebt, ich habe zum ersten Mal mit einem Mädchen geschlafen...
...da sind wir mitten im Roman «Crazy», der diese Zeit beschreibt. Erzähl mal, wie das Buch zustande kam.
Ich habe Tagebuch geführt, schon bevor ich ins Internat kam. Ein paar Texte wurden mal in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, und da ist ein Verlag auf mich aufmerksam geworden. Als die Lektorin mich anrief und fragte, ob ich nicht Lust hätte, ein Buch zu schreiben, bin ich gerade aufs Internat gekommen. So richtig viel Zeit zum Schreiben hatte ich da nicht. Ich schrieb immer an den Heimfahrwochenenden, so alle zwei Wochen durfte ich fürs Wochenende nach Hause nach München. Ich habe die ganze Zeit in meinem Zimmer verbracht, und meine Eltern haben sich draussen vor der Tür gestritten. Sie waren mitten in der Trennung. Immer am Sonntagabend habe ich die Seiten, die ich geschrieben hatte, an den Verlag gefaxt. Als dann alle Seiten durchgefaxt waren, riefen die vom Verlag an und sagten, sie wollen es veröffentlichen.
Wie hast du reagiert?
Ich bin raus aus dem Internat. Das war's mit der Schule.
Wie alt warst du da?
16. Mitten in der neunten Klasse.
Also keine mittlere Reife, nicht mal Hauptschulabschluss.
Genau. Das war sogar illegal, weil man ja zehn Jahre Schulpflicht hat.
Hattest du nicht so etwas wie Zukunftsangst? Du wusstest ja noch nicht, dass dein Buch auf der Bestsellerliste landen sollte.
Nein. Das war ganz seltsam: Das war ein Moment in meinem Leben, wo ich absolut sicher war bei dem, was ich machte. Ich habe mich absolut gut gefühlt. Was selten vorkommt. Keine Schule mehr, das war eine Erlösung.
Ohne Hauptschulabschluss, das heisst: Strassenteerer werden, bestenfalls.
Ich glaube, man braucht einen Hauptschulabschluss, um Strassenteerer zu werden.
Na ja, das war ja bald nicht mehr dein Problem. Dein Roman wurde ein Welterfolg, übersetzt in 33 Sprachen. In Amerika erschien «Crazy» bei Knopf, dem Verlag von Thomas Mann.
Ich musste erst mal sieben Wochen nach New York, um einigermassen Englisch zu lernen, damit ich auf Englisch die Interviews geben konnte. Später bin ich noch mal drei Wochen hingegangen, um Vorlesungen zu halten.
Vorlesungen?
An der New York University habe ich Kurse gegeben für Creative Writing. Ich kam mir ziemlich bescheuert vor. Die Studenten waren alle Mitte zwanzig, und ich stand vorne, siebzehn Jahre alt, und sollte denen erklären, wo es langgeht. Ich war wahnsinnig aufgeregt und hab wie wild auf der Tafel rumgemalt.
Warst du zum ersten Mal in New York?
Ja. Ganz allein. Aber das war ja nicht neu für mich. Ich bin oft allein. Ich war allein in Berlin, ich war allein in New York. Ich bin ein alleiniger Mensch.
War deine Behinderung etwas, das fürs Marketing ausgeschlachtet wurde?
In Amerika gar nicht. Jeffrey Eugenides, der später den Pulitzer-Preis bekam, hat das Buch in der New York Times ziemlich verrissen, unter anderem mit dem Argument, dass er der Romanfigur die Behinderung nicht glaubt. Was lustig ist, weil ich sie ja habe. Später, als er herausgefunden hatte, dass ich wirklich behindert bin, meinte er, dass der Erfolg in Deutschland nur damit zu tun hat, dass der Autor ein sechzehnjähriger behinderter Junge ist.
Das heisst, deine Behinderung wurde dir noch zum Vorwurf gemacht.
Vor allem in Deutschland, ja. So nach dem Motto, der Autor ist jung und behindert, kein Wunder, dass sich die Medien so auf ihn stürzen.
Hat dich das verletzt?
Natürlich ist das nicht leicht. Du hast dir Mühe gegeben, das, was du sagen willst, so gut wie möglich zu sagen, und jemand schreibt dann, das Buch kommt mit den einfachsten, blödesten Sätzen daher. Welche Sätze sind einfach? Welche Sätze sind blöd? Für wen?
Jetzt kommt dein zweiter Roman raus, «Der Vogel ist ein Rabe». Im Vorfeld war von Rekordsummen die Rede, die du als Vorschuss bekommen hast. Zwei Millionen Mark oder so. Macht das nicht wahnsinnig viel Druck?
Nein. Der grösste Druck war der, den ich mir selber gemacht habe. Da hat diese Zahl auch nicht mehr viel ausgemacht. Günter Grass hat mich auch gewarnt, das zweite Buch sei immer das schwerste. Die Hürde des zweiten Buches, so hat er das genannt, glaube ich.
Ach, du bist mit dem Günter so richtig eng, ja? Literaten unter sich.
Nein, nein. Es gab mal eine Fahrt von verschiedenen Schriftstellern, sozusagen einer Nationalmannschaft von Schriftstellern, nach Paris. An die dortige Buchmesse. Da waren von Grass bis zu mir alle dabei.
Also, zurück zur Hürde des zweiten Buches.
Ich habe mir zum ersten Mal im Leben überlegt, für wen ich eigentlich schreibe. Ich sah immer die verschwitzten Gesichter auf der Buchmesse vor mir. Wenn das die Menschen sind, für die ich schreibe, dann will ich lieber nicht schreiben. Irgendwann habe ich trotzdem angefangen, es ging nicht anders, ja, und jetzt, vier Jahre später, ist das Buch fertig.
Ich habe das Buch noch nicht gelesen, erwarte also keine Fragen dazu. Das überlasse ich den Literaturkritikern. Mich interessieren andere Sachen.
Okay.
Du hast dich also hingesetzt, vor das leere, weisse Blatt, und deinen Roman in Angriff genommen. Wusstest du, wovon er handeln wird?
So setze ich mich nie hin, mit der Frage, was ist mein Thema. Ich versuche, ein Gefühl einzufangen. So fange ich an. Wenn ich das Gefühl eingefangen habe, kommt zuerst die Überlegung, wo pflanze ich es ein. In welche Handlung und so weiter. Thomas Mann hat mal gesagt, das wirkliche Glück eines Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Das suche ich auch, obwohl es mir nie so gelingt wie Thomas Mann.
Du bist oft mit Salinger verglichen worden, der damals mit «Der Fänger im Roggen» den Nerv der Jungen so traf wie du mit «Crazy» heute. Du bist das literarische Sprachrohr einer Generation.
Schwachsinn.
Wieso?
Weil jede Generation 20 Millionen Sprachrohre hat. Auch in meiner Generation gab es viele, die mit dem Buch überhaupt nichts anfangen konnten.
Kann sein, trotzdem: Du hast deine Generation, ihre Nöte, ihre Träume, ihre Sprache verewigt.
Das ist doch normal. Das hat Heinrich Böll auch. Schau mal nach Amerika oder nach Japan, wie da die Gegenwartsliteratur aussieht. Nur in Deutschland war das anders. Da gab es diese lange Zeitspanne in der Literatur, wo alles immer so wahnsinnig gewichtig war.
Du machst dich immer klein.
Nein, ich will das einfach nicht sein, Sprachrohr einer Generation. Die Verantwortung wäre mir viel zu gross. Ich will auch nicht der «Popstar der Literatur» sein, wie es immer wieder heisst. Das bin ich nicht. Mich interessiert die Glitzerwelt nicht. Sie ist nicht real. Wenn ich morgens total verschlafen aufwache und in der Küche stehe, dann ist das real, teilweise so schmerzvoll real. Da fühle ich mich existent. Das ist das Leben.
Was machst du mit deinem ganzen Geld?
Davon leben. Die letzten vier Jahre, in denen ich an meinem Roman gearbeitet habe, habe ich davon gelebt.
Komm jetzt, du bist x-facher Millionär. Du bist ein gemachter Mann.
Schon der Ausdruck missfällt mir, «gemachter Mann».
Eine Million Bücher, davon zehn Prozent. Das allein in Deutschland. Dazu kommen die Auslandslizenzen, die Filmrechte...
Man kann davon leben, wenn man spart.
Was suchst du in Freiburg?
Ich habe lange in Berlin gewohnt. Am Anfang in einer WG mit zwei Mädchen, die mich immer zu Partys mitgenommen haben. Dann alleine. Seit fünf Monaten lebe ich in Freiburg. Ich bin in Freiburg geboren. Das ist vielleicht esoterisch, aber der Gedanke, der mich wieder nach Freiburg geführt hat, ist: Mir ging es in Berlin schlecht, und ich dachte, wenn man so komplett seinen Weg verloren hat, geht man am besten dahin zurück, wo man geboren wurde. Ich wollte an einen Ort, wo der Herzschlag ruhiger geht.
Freiburg ist eine sehr esoterische Stadt. Vorsicht.
Ich weiss. In dem Viertel, wo ich wohne, leben nur Studenten und Esoteriker. Und ich bin keines von beiden. Wobei: Ich habe schon das Gefühl, dass es etwas Höheres gibt. Das allein ist ja schon ein esoterischer Gedanke. Ich glaube, dass es weitaus mehr gibt, als man sieht oder sich denkt.
Alles, was deine Bedeutung relativiert, ist dir natürlich recht.
Wir sind alle bloss winzige Punkte in einem unendlichen Universum. Die Erkenntnis ist nicht von mir.
Wie muss man sich dein Leben in so einer kleinen Provinzstadt vorstellen?
Man findet mich oft, so wie ich mir das ausgemalt habe, auf irgendwelchen Bänken im Schwarzwald. Und: Ich habe den Schulabschluss nachgemacht. Mit dem besten Zeugnis, das ich jemals hatte: 1,3. Vor drei Wochen hatte ich meinen letzten Schultag.
Du bist wieder zur Schule gegangen?
Jeden Tag.
Erzähl mal.
Als ich nach Freiburg gekommen bin im Januar, ich hatte den neuen Roman schon fertig, dachte ich mir: Das ist eine gute Struktur, wenn ich wieder zur Schule gehe. Jeden Tag irgendwohin gehen. Das hat gut getan.
Was für Leute waren deine Mitschüler?
Strassenpunks und andere Leute, die auf dem Schulweg verloren gegangen sind. Wie ich. Eine sehr inspirierende Gemeinschaft. Ich habe mich total lebendig gefühlt.
Hat man dich erkannt? Mitten in der Klasse Benjamin Lebert, bekannt aus Funk und Fernsehen?
Ein paar Leute wussten das. Aber die waren viel zu sehr mit sich selber beschäftigt. Leute, die wirklich kämpfen müssen, damit sie so einen Job kriegen wie Strassenteerer. In ihrem Leben ist das total unwichtig, ob da einer einen Roman geschrieben hat. Eine Einschätzung, die ich absolut teile.
Verrückte Geschichte.
Das Bizarrste war: In der Abschlussprüfung für die mittlere Reife, also eine Stufe über mir, da war «Crazy» das Thema in Deutsch. Wenn ich mir vorstelle, dass die Schüler in die Deutschprüfung reingegangen sind und einen Aufsatz über «Crazy» schreiben mussten - das hätte mir ja passieren können. Aber ich war nur in der Hauptschule. Absurd.