Mit 16 Jahren wurde Benjamin Lebert durch seinen Erstling "Crazy" bekannt. Heute ist er 21, hat gerade seinen Hauptschulabschluss nachgeholt und stellt seinen zweiten Roman "Der Vogel ist ein Rabe" auf Lesereise vor.
Ihr neues Buch "Der Vogel ist ein Rabe" ist ein recht düsterer Blick in die Welt Jugendlicher. Ist das Ihre persönliche Rache an den Lehrern, die immer neue Schüler Ihren Erstling "Crazy" interpretieren lassen?
Prinzipiell denke ich beim Schreiben nicht daran, ob das eine Rache an den Lehrern ist oder eine Rache an irgendwelchen Menschen. Es geht in erster Linie darum, die Eindrücke, die man hat, und das, was einen überflutet, als würde man untergehen, los wird. Das Papier ist ein geduldiger Zuhörer. Ich denke da gar nicht so viel an Rache, ich habe die Lehrer zwar immer gehasst, weiß aber nicht, ob man sich durch so etwas rächen könnte.
Was hat Sie an der Schule gestört?
Das kann ich nicht so genau sagen, die Umstände waren von vornherein nicht besonders gut. Ich habe die Lehrer gehasst und die Schüler. Die Schüler, die mich immer aufgezogen oder geschlagen haben wegen meiner Behinderung. Die ganze Institution Schule ist mir gegen den Strich gegangen. Eigentlich müsste man, wenn einem etwas gegen den Strich geht, ja auch eine Idee haben, wie es besser laufen könnte. Das habe ich nicht. Ich weiß nur, dass dieses ganze Streben, dieses Auswählen nach Leistung und dass die einzelnen Menschen nicht wirklich gesehen werden können, wahnsinnig schwierig ist.
In diesem Sommer haben Sie den Hauptschulabschluss nachgeholt. Warum?
Hauptsächlich habe ich den Abschluss deshalb nachgeholt, weil ich auf diese Weise eine Struktur in mein Leben bekomme und weil es ein Ausgleich ist zum alleine Dasitzen und nach Worten suchen. Ich wollte etwas machen, bei dem andere Leute in der selben Situation sind und irgendwann sagen: "Komm, wir gehen jetzt runter und haben Pause". Niemand sagt das zu mir, wenn ich dasitze und schreibe.
In Ihren Texten beschreiben Sie durchweg eine sehr düstere Welt voll Angst, Trauer und Schmerz. Ist das die Welt, die Sie umgibt?
Also hauptsächlich ist in meinem Leben Trauer, sie ist kontinuierlich da, wie der Ton einer kaputten Lampe. Aber trotzdem finde ich, sollte man auf gar keinen Fall verbittern, weil das Wunderschöne, das Glitzernde, das Leuchtende, das das Leben auch hat, genauso da ist. Das sind aber immer nur kurze Momente, wie wenn die Sonne auf das Wasser scheint und dann Lichtkristalle auf dem Wasser tanzen. So ähnlich ist das.
Haben Sie Freunde, die Ihnen helfen, wenn sie sich einsam und verloren fühlen?
Das Papier ist mein hauptsächlicher Freund. Ich habe natürlich ein paar Freunde, aber nicht besonders viele. Es ist für mich sehr schwierig - generell - menschliche Beziehungen zu ertragen. Ich weiß nicht genau, wie das geht.
Gibt es eigentlich auch Dinge, über die Sie herzhaft lachen können?
Ja, wahnsinnig viele. Ich lache hauptsächlich über bestimmte Fehler von Menschen, weil die Menschen so zwanghaft versuchen, perfekt zu sein und sich wahnsinnig anstrengen, dass sie nicht auffallen oder irgend etwas falsch machen. Ich finde es komisch, wenn zum Beispiel eine wunderschöne Frau in kurzem Rock und Stöckelschuhen durch Freiburg läuft. Ihr Gang ist so graziös, und es ist alles so wunderbar, und dann steigt sie einfach so in ein "Freiburger Bächle" hinein aus Versehen. Über solche Dinge kann ich wahnsinnig lachen, weil sie einfach zum Leben dazugehören und die Menschen, obgleich sie versuchen, so perfekt zu sein, es einfach nicht sind.
Was bedeutet Erfolg für Sie?
Ich glaube, dass es mit gesellschaftlichem Erfolg sehr schwierig ist. In erster Linie geht es darum, persönlichen Erfolg für sich zu definieren oder einfach zu fühlen. Mir geht es darum, mit mir selbst klarzukommen Und das gelingt mir nicht besonders gut, jedenfalls die meiste Zeit nicht. Es nützt einem überhaupt nichts, wenn zwanzig Leute, wenn zwanzigtausend oder auch zwanzig Millionen Leute dastehen und sagen, dass man ein toller Mensch ist oder dass man etwas Tolles macht, wenn man das selbst nicht so sieht. Ist man mehr wert, wenn andere Leute das anerkennen, was man macht?
Wieso schreiben Sie überhaupt? Wie sind Sie dazu gekommen?
Ich glaube, vor allem wegen meiner Behinderung. Ich habe eine Halbseitenlähmung, das bedeutet, dass die linke Körperhälfte von mir fast ganz gelähmt ist. Ich habe also schon immer mehr dagesessen und Leute beobachtet. Ich konnte nie auf Klettergerüste raufklettern oder Leute ins Wasser werfen oder Bäume hochklettern, Fußballspielen, was man so alles macht. Deswegen habe ich mehr dagesessen und beobachtet. Beobachten ist eigentlich der wichtigste Teil beim Schreiben.