Crazy

"Mit sechzehn sollte man eigentlich schon gelernt haben, ein Geodreieck zu halten", stellt Mathelehrer Rolf Falkenstein fest. Er gibt es mir zurück, ohne mir beim Zeichnen des Kongruenzsatzbeweises geholfen zu haben. Pech gehabt. Hier sitze ich also an meinem ersten Schultag. Ich schüttle den Kopf.

Dabei hatte eigentlich doch alles recht gut angefangen. Die ersten Stunden, Französisch und Englisch, waren gut gelaufen, ich hatte die so berühmte Vorstellungsarie, die ich so hasse, hinter mich gebracht. Es war die übliche Sache. Vor die Klasse treten, nicht wissen, wohin mit den Händen, und sagen: Hallo Leute. Ich heiße Benjamin Lebert, bin sechzehn Jahre alt, und ich bin ein Krüppel. Nur damit ihr es wißt. Ich dachte, es wäre von beiderseitigem Interesse.

Die Klasse 8B, in der ich mich nun befinde, hat recht ordentlich darauf reagiert: ein paar verstohlene Blicke, ein wenig Gekicher, eine erste schnelle Einschätzung meiner Person. Für die Jungen war ich nun einer der alltäglichen Idioten, mit denen man nicht mehr rechnen mußte, und für die Mädchen war ich schlicht gestorben. Soviel hatte ich erreicht.

Französischlehrerin Heide Bachmann sagte, daß es im Internat Schloß Neuseelen nicht darauf ankäme, ob man eine Behinderung habe oder nicht. In Neuseelen käme es auf liebevolle und konsequent verbindliche Werte und soziale Kompetenzen an. Gut zu wissen.

Die Klasse 8B ist nicht groß: zwölf Schüler. Mich eingeschlossen. In den staatlichen Schulen sieht das anders aus. Da sind es immer um die fünfunddreißig. Aber die müssen schließlich auch nicht zahlen. Hier zahlen wir. Und zwar bis es kracht.

Wir sitzen, wie eine große Familie, in Hufeisenform vor dem Lehrer. Wir halten uns beinahe bei den Händen, so sehr lieben wir uns. Internat eben. Eine Gruppe, eine Freundschaft, eine Familie.

Und Mathelehrer Rolf Falkenstein ist unser Papi. Er ist ein großer Kerl. Fast 1,90m. Er hat ein blasses Gesicht mit hochliegenden Wangenknochen. Einer der Männer, die ihr Alter auf der Stirn tragen. Fünfzig. Kein Jährchen mehr und kein Jährchen weniger. Falkensteins Haar ist fettig. Die Farbe ist kaum zu erkennen. Es muß wohl grau sein, nehme ich an. Seine Fingernägel sind lang und ungepflegt. Ich fürchte mich ein wenig vor ihm.

Barsch knallt er sein großes Geodreieck gegen die Tafel. Er zieht einen Strich. Mitten durch ein geometrisches Gebilde. Ich glaube, es soll eine Gerade sein oder so. Ich versuche, sie abzuzeichnen. Doch es gelingt mir nicht. Immer wieder rutscht das Geodreieck beiseite. Schließlich mache ich es per Hand. Was herauskommt, ist ein komisches Gebilde. Einem Glücksdrachen ähnlicher als einer Geraden.

Nach dem Unterricht läßt mich Falkenstein zur Seite treten. "Du wirst Nachhilfe haben mßssen", sagt er. "Und so wie ich das sehe, mindestens eine Stunde täglich. " Große Freude steigt in mir auf. "Nun gut. Wenn es denn sein muß." Ich gehe.