Der Schriftsteller Benjamin Lebert ist der Jüngste auf der Cicero-Liste der 500 wichtigsten Intellektuellen. Berühmt wurde der gebürtige Breisgauer durch seinen autobiographischen Roman "Crazy", der später auch verfilmt wurde. Inzwischen sind weitere Romane von Lebert erschienen. Christine Eichel hat mit dem Schriftsteller gesprochen.
Sie sind mit großem Abstand der Jüngste auf der Cicero-Liste der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands. Was charakterisiert Ihre Generation im Gegensatz zu jener der Deutungsmächtigen über 65?
Ich glaube, dass sich meine Generation von allen anderen darin unterscheidet, dass sie besonders schwer greifbar ist, weil sie in alle Richtungen davonläuft. So wie in dem Song von Leonard Cohen - „Things are gonna slide in all directions". Die Tatsache, dass ich fünfundzwanzig bin, ist nur ein winziger Teil von mir - wenn man mich darauf reduzieren würde, so wäre das das Gleiche, als wenn man einen riesigen Wald mit einer Taschenlampe ausleuchten wollte...
Warum werden die intellektuellen Debatten in Deutschland immer noch von der Großvatergeneration dominiert?
Die Crux der Sache beginnt mit der Frage: Was ist ein Intellektueller? Wenn man das traditionell definiert, bewegt man sich sofort in der Sphäre der althergebrachten Feuilletons. Die jungen Menschen meines Alters haben aber gar nicht mehr das Augenmerk auf dem klassischen Feuilleton - Feuilletons sind altmodisch, sie sind das Terrain alter Leute und haben auch hauptsächlich für alte Leute einen derart hohen Stellenwert. Deshalb geraten dann auch fast ausschließlich alte Leute auf Intellektuellenlisten. Die Themen und die Debatten Zwanzigjähriger finden woanders statt.
Wo?
Alles spaltet sich auf in zwanzig Millionen kleine Grüppchen, die wie Netzlinien miteinander verstrickt sind. Es geht also nicht mehr darum, die FAZ aufzuschlagen und sich über Großdebatten zu verständigen, stattdessen findet alles vereinzelt statt. Das kann in einer Sofakneipe im Hamburger Schanzenviertel sein, wo man lässig rumflezt und miteinander redet, das kann auch im Internet sein, in Chatforen oder Blogs."
Lesen Sie noch Zeitung?
Ich bin in meinem Herzen ein zutiefst altmodischer Mensch - ich habe häufig das Gefühl, dass ich im Grunde in eine andere, frühere Zeit gehöre. Deshalb lese ich auch noch Zeitung. Aber für meine Freunde sind die Blogs längst wichtiger, viele schreiben selbst, zum Beispiel auf „jetzt.de", oder sie bewegen sich auf „my.space.de".
Ist das befriedigend?
Nein, die meisten fühlen sich alleingelassen. Das Absurde ist doch: Es gibt immer mehr Menschen - vor dreißig Jahren gab es noch mehrere Milliarden Menschen weniger auf der Welt -, doch obwohl die Bevölkerungsdichte zunimmt, obwohl wir immer näher zusammenrücken und die Hitze der anderen Körper spüren, wird die Entfernung zwischen den Einzelnen größer.
Verschwinden durch diese Zersplitterung von Öffentlichkeit auch die Leitwölfe, die Richtungen vorgeben?
Ja, davon bin ich überzeugt. Einen Leitwolf kann es nur geben, wenn er weiß, welche Rudel er zu führen hat. Diese Rudel gibt es nicht mehr. Es ist daher ein falscher Ansatz, nach Leitwölfen oder Vordenkern Ausschau zu halten, denn es gibt die großen Lager nicht mehr, für die sie stehen könnten, alles wird kleiner, diversifizierter.
Dennoch gibt es die großen Themen, die doch sicherlich auch in Ihrer Generation diskutiert werden, beispielsweise die Co2-Debatte.
Die großen Themen bleiben natürlich, und Themen wie die Klimaveränderung finden auch Gehör. Doch die Informationen dazu werden nicht mehr in den alten Leitmedien gesucht und es gibt weniger Interesse, sich in den großen Organisationen zu engagieren, auch wenn sie natürlich effektiver kämpfen. Es wird eher am Tisch diskutiert, oder in Chats. Die Wirkung ist geringer bei dieser Vereinzelung. Ich würde das mit den Feuerzeugflämmchen vergleichen, die bei einem Rockkonzert im Regen hochgehalten werden - aber es bleiben einzelne Flammen, es wird kein Flammenmeer daraus, das etwas bewegt.
Das klingt resignativ...
Ja, und es macht mich auch traurig, so wie große Katastrophen immer traurig machen. Doch diese Vereinzelung ist in der nächsten Zukunft nicht aufzuhalten.
Bedeutet das die Entpolitisierung Ihrer Generation? Die Abwendung von Parteien und anderen Organisationen, bei denen man sich engagieren könnte?
Niemand, den ich kenne, würde sich noch solchen „Rudeln" anschließen, weil sich niemand mehr mit den großen Linien identifizieren kann.
Ihr literarisches Debüt hatten Sie mit fünfzehn, Ihr Roman „Crazy" war ein großer Erfolg, wurde auch verfilmt. Stört es Sie, dass Ihr Alter immer wieder zum Thema gemacht wird?
Das Etikett „Jungautor" habe ich nun seit zehn Jahren, aber ich bin zuversichtlich, dass sich das ändern wird - schon allein deshalb, weil ich ja älter werde.
Wie haben Sie den Literaturbetrieb zu Beginn Ihrer Schriftstellerkarriere erlebt?
Mein erster Roman ist aus Tagebucheinträgen entstanden, die ich für ein Jugendmagazin geschrieben habe, es war eine untypische Karriere. Und ich war schockiert, als ich zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse auftrat, schockiert von der Kälte in den Augen der meisten Menschen, die ich getroffen habe. Ich war ja erst fünfzehn, es war alles sehr aufregend, und sehr belastend.
Empfinden Sie Ihre persönliche Welt als wärmer?
Es ist schon so, dass ich sehr, sehr oft friere. Aber mein Frieren und Erfrieren an dieser Welt ist anders als das, was von diesen Augen ausgeht.
Ihre Romane reiben sich häufig an der Medienöffentlichkeit, an den grellen Bildern der Generation MTV. Wie steuern diese Bilder Ihr Bewusstsein?
Dort versucht sich alles an Grellheit zu überbieten. Dadurch verändert sich zum Beispiel die Vorstellung von Sex, er wird zelebriert, auf hochkünstliche Weise. Absurderweise gestehen wir dem Visuellen den größten Wahrheitsgehalt zu. Ich versuche anders wahrzunehmen, nicht nur mit den Augen. Es ist ein sehr schmerzhafter Prozess, diese mächtigen Medienbilder mit den eigenen Bedürfnissen in Beziehung zu setzen. Ich bin permanent auf der schmerzhaften Suche nach Realität - in den Bildern werde ich sie nicht finden, denn es sind falsche Versprechen.
Wie reagieren Ihre Leser? Was erzählen sie Ihnen nach Lesungen?
Die Leute haben eines gemeinsam: Sie sind sehr verzweifelt. Nicht bis ins äußerste, aber immerhin. Ich nehme das wahr, weil viele hinterher mit mir reden, und ich bekomme auch viele Briefe.
Wenn man Ihnen zuhört, spürt man eine tiefe Melancholie. Wie halten Sie das aus? Ist Schreiben ein Ausweg?
Das ist die große Frage, wie man das aushält. Wird mich das Schreiben retten? Ich weiß de facto nicht, ob ich irgendwann zusammenbreche, aber ich habe den Tipp bekommen, dass man weitermachen soll.
Das Gespräch führte Christine Eichel
